Lieber Gabriel
Bei «Moms for Liberty» musste ich lachen, obwohl es überhaupt nicht lustig ist. Aus meiner Perspektive wären «Moms for Liberty» Mütter, die sich für ein neueres, weniger von der Gesellschaft vorgegebenes Mutterbild einsetzen. Ein Mutterbild, das verschiedene Entwürfe von Mutterschaft zulässt statt Allzuständigkeit und Demut zu erwarten. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Und dies zeigt sehr exemplarisch, wie unterschiedlich der Begriff der «Freiheit» interpretiert und verwendet wird. In der Politik wird er oft etwas beliebig eingesetzt. Dein Beispiel zu «Tempo 30» zeigt dies gut. Da sind sich Politiker*innen unter dem Deckmantel der Freiheit nicht zu schade, ihre eigenen Prinzipien wie Föderalismus und Subsidiarität zu verraten.
Ich debattiere gelegentlich mit dem Oberwalliser SVP-Nationalrat Michael Graber über Freiheit. Trotz gegensätzlicher Politik ist der Wert Freiheit für uns beide handlungsleitend. Für mich zählt «Freiheit für alle», für ihn gilt sie vorwiegend für Schweizer Männer. Auf die Frage, was den Unterschied unserer Freiheitsbegriffe ausmacht, finde ich eine Antwort bei Lea Ypi. Sie unterscheidet Freiheit als Ideal von Freiheit als Ideologie. Das Ideal wäre aus ihrer Sicht, dass wir alle möglichst frei sind. Was sie im Unterschied dazu als Ideologie bezeichnet, ist der Versuch von politischen Institutionen und Machtstrukturen, Freiheit zu interpretieren. Dies ist exakt das, was die «Moms for Liberty» oder die SVP machen. Sie bemühen den Begriff der Freiheit für ihre Ideologie. Ypi kommt zum Ergebnis, dass wir Freiheit in jenen Momenten erleben, in denen wir moralische Verantwortung übernehmen. Nun werden einige einwenden wollen, die Moms for Liberty würden auch moralische Verantwortung übernehmen. Doch das tun sie nicht. Sie folgen einer Ideologie.
Kant wird sinngemäss diese Aussage zugesprochen: «Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.» Dies ist die Antwort, die ich Graber entgegenhalte. Wenn seine Freiheit darin besteht, zu reden wie er will, also auf geschlechtersensible Sprache zu verzichten bedeutet dies, dass Frauen und queere Menschen aus seinem Diskurs und seiner Perspektive ausgeschlossen werden. Dort aber beginnt meine Freiheit, in der Sichtbarkeit und Anerkennung der Anliegen von Frauen und queeren Menschen. Und wenn seine Worte Menschen in ihrer Integrität verletzen, wie viel Wert ist diese Freiheit dann? Ich sehe es wie du: Freiheit hat nur in Beziehungen zwischen Menschen Bedeutung.
Und damit bin ich wieder bei der Frage, für wen Freiheit gelten soll. Der Leitspruch «Liberté, Egalité, Fraternité» der französischen Revolution galt nur für die Männer. Frauen kämpfen bis heute für finanzielle Unabhängigkeit und körperliche Integrität. Erhalten wir Frauen mehr Freiheiten, wirkt dies für einige Männer so, als müssten sie ihre Freiheiten abgeben. Das Teilen von Privilegien ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Verlust von Freiheit. Denn vielleicht war ihre Freiheit bis anhin nur sehr einseitig ausgerichtet und eben nicht in Bezug auf die anderen, nicht gemeinsinnorientiert.
Du fragst, was die angesprochenen Entwicklungen für Erziehung und Bildung bedeuten. Ich denke, diese Fragen sind der Kern der Erziehung. In der Erziehung hat ein Wandel stattgefunden von einer vorwiegend autoritären hin zu einer bedürfnisorientierten Erziehung. Dabei wird letztere leider oft falsch verstanden. Im Mittelpunkt stehen heute oft die Bedürfnisse der Kinder. Gemeint ist aber gerade nicht eine hedonistische Herangehensweise, wie sie auch Amlinger und Nachtwey kritisieren. Es geht nicht darum, Kindern uneingeschränkt jeden Wunsch zu erfüllen. Kinder haben nach Grawe nicht nur ein Bedürfnis nach Lustgewinn, sondern auch nach Bindung und Orientierung. Und, was zu oft vergessen geht, v.a. bei Müttern: auch Eltern haben Bedürfnisse. Den grössten Gefallen tun Eltern ihren Kindern, wenn sie ihre eigenen Grenzen wahren. So lernen Kinder, ihre Freiheit in Bezug zu Mitmenschen und Umwelt zu sehen. Oder anders gesagt: Gemeinsinn zu entwickeln.
Bevor ich mich an den Computer setzte, um auf deine Gedanken zur Freiheit zu antworten, habe ich in meinem Bücherregal nach Büchern zu Freiheit gesucht. Dabei ist mir Virginia Woolfs «Ein eigenes Zimmer» begegnet. Als junge Mutter fühlte ich mich oft sehr unfrei. Mehr als jetzt im Beruf, wo ich die Arbeitszeiten und teils sogar die Inhalte freier wählen kann. Ich habe mit der Fremdbestimmtheit, die Mutterschaft in den frühen Jahren der Kindheit mit sich bringt, oft gehadert und hätte mir manchmal nichts sehnlicher gewünscht als ein eigenes Zimmer. Vielleicht ist «Freiheit» ein Wert, der im Laufe der Biografie unterschiedliche Bedeutung hat. Wie siehst du dies? Wann fühlst du dich frei? Und fühlt sich Freiheit für dich heute anders an als in deinen Jugendjahren oder in den Jahren, in denen deine Kinder klein waren?
Herzlich, Danica
Die Antwort von Gabriel findest du im Beitrag „Freiheit im Laufe der Biografie„
Zum Weiterlesen:
Interview im Tagesanzeiger mit Lea Ypi und Jonas Lüscher über Freiheit und Moral (2025, 10. Oktober). https://www.tagesanzeiger.ch/lea-ypi-und-jonas-luescher-diskutieren-ueber-freiheit-und-moral-455505235451
Virgina Woolf, 1929. Ein eigenes Zimmer.
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