Lieber Gabriel
Jetzt habe ich mir ganz schön lange Zeit gelassen, mit meiner Antwort. Dabei wollte ich grad losschreiben, als ich deinen letzten Beitrag las. Und dann kam der Sommer dazwischen.
Es wird der wohl bisher heisseste Sommer in Westeuropa und es hört nicht auf, schön und trocken zu sein. Wahnsinn, nicht? Auf den sozialen Medien begegnen mir Posts in denen es heisst, wir würden diesen Sommer im Rückblick als kühl in Erinnerung behalten. Ich bin ein Bergkind und als solches sehr privilegiert. In Zermatt kühlt es nachts angenehm ab. Ich bin viel unterwegs, körperlich fit wie wohl nie, geistig aber etwas «tuch», wie die Deutschschweizerinnen so schön sagen. Wo führt das hin, frage ich mich? Mich dünkt, die Gesellschaft ist im Umgang mit dem Klimawandel fatalistisch geworden. Politisch wars lange Zeit kein Thema mehr, kürzlich sagte der zuständige Bundesrat Rösti, er hätte sowas nicht erwartet, dabei ist die Faktenlage seit Jahrzehnten klar.
Ich habe dir ja zum Abschied von der PHBern das Büchlein «Sturz in die Sonne» von Charles Ferdinand Ramuz geschenkt. Er beschreibt sehr bildhaft und wenig hoffnungsfroh, was mit den Menschen geschieht, wenn es wahr wird, dass es immer heisser und heisser wird. Das macht mir etwas Angst. Und so verbringe ich diesen Sommer wandernd und bergsteigend, geniesse die lauen Abende und mache mir gleichzeitig Sorgen um die Welt.
Doch wir wollen ja hier auch Zuversicht ausstrahlen. Das zumindest ist mein Jahresmotto :). Ich lese grad Angela Merkels «Wir schaffen das!» in deinem Beitrag. Wir schaffen das! Das ist doch die Grundüberzeugung, weshalb wir Pädagogin und Pädagoge geworden sind, nicht? Fatalismus liegt uns nicht, sonst hätten wir schon bei der Natur vs. Umwelt-Debatte verloren. Und wie du schreibst, es geht im Kern darum, sich für andere und eine grössere Gemeinschaft einzusetzen.
Deine Frage, wem Führung dienen soll, dünkt mich zentral und sie führt mich zur «Neuen Autorität», die diese Spannung anders löst: nicht Einzelinteressen zählen, sondern Beziehung und Gemeinschaft. Tatsächlich ist dies ein Konzept, das bei mir sehr viel Hoffnung auslöst und in dem ich viel Potenzial für die gesamte Gesellschaft sehe.
Die Neue Autorität nach Haim Omer stellt ein Erziehungs- und Führungskonzept dar, das auf Präsenz statt auf Macht oder Kontrolle setzt. Statt mit Strafen zu drohen oder sich zurückzuziehen, üben Erwachsene gewaltlosen Widerstand: Sie zeigen, dass sie ein Verhalten nicht akzeptieren, ohne dabei eskalierend oder distanziert zu reagieren. Getragen wird dies von wachsamer Sorge, einer Haltung, die dem Kind signalisiert: Ich lasse dich nicht aus den Augen, weil du mir wichtig bist. Zentral ist zudem die Vernetzung. Eltern, Lehrpersonen und andere Bezugspersonen handeln nicht isoliert, sondern stärken sich gegenseitig und schaffen so eine tragfähige, wache Gemeinschaft.
Haim Omer, Psychologe an der Universität Tel Aviv, entwickelte das Konzept in den 1990er-Jahren zunächst für Eltern und Jugendarbeitende, die sich gegenüber aggressivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen hilflos und ohnmächtig fühlten. Ich weiss, die Neue Autorität ist heute in aller Munde. Ich verstehe sie weniger als Konzept, das 1:1 angewandt werden soll, sondern vielmehr als Haltung. Präsenz, wachsame Sorge, Vernetzung, das gibt alles Halt und ist meines Erachtens exakt das, was unserer Gesellschaft, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen so gut täte. Ich selbst kenne es v.a. im familiären Kontext. Grad mit meinen Teenagerkindern dünkt es mich so wichtig, präsent zu bleiben, Herausforderungen und Entwicklungsschritte (auch meine) vorausschauend im Blick zu haben und uns mit anderen Eltern zu vernetzen. Ein Beispiel ist das Gamen. Unser Älterer hat eine zeitlang viel mit seinen Schulfreunden aus den Nachbardörfern gegamed. Wir Eltern haben gemeinsam besprochen, um welche Uhrzeit wir Feierabend wollen. So war in allen Haushalten klar, ab wann das Spiel beendet wird und keines der Kinder konnte sagen, mein Kollege darf aber noch. Natürlich klappt das nicht immer, als Eltern sind wir hinsichtlich Bildschirmzeit fast durchgehend gefordert. Aber hier gilt eben: dran bleiben, präsent sein. Immer und immer wieder diskutieren, aus wachsamer Sorge und idealerweise mit den befreundeten Kindern und Eltern gemeinsam.
Früher war ich anders unterwegs. Da hat es mich in meiner Autonomie gestört, wenn mir andere Eltern (ungefragt) Erziehungstipps gaben. Heute sehe ich es etwas differenzierter. Ich wünschte mir mehr, wir wären wieder wie ein ganzes Dorf, das sich beim Begleiten der Kinder und Jugendlichen unterstützt. Nicht im kontrollierenden, strafenden, sondern im wachsamen, vernetzten Sinne. Dasselbe gilt aus meiner Sicht für die Gesellschaft. Ich wünschte mir, wir würden uns wieder mehr kümmern. Und zwar alle. Nicht einmischen, aber doch eingeben in das Gesamte. Vielleicht grad beim Klimawandel. Wachsame Sorge, Präsenz (also Dranbleiben), gemeinsam und vernetzt, das ist es, was ich mir wünsche und wie wir das Ruder eventuell noch herumreissen könnten.
Jetzt bin ich etwas vom Thema Führen weggekommen, wobei ich ja finde, dass Führen in der Familie und Führen in der Schule bzw. im Unternehmen oder auch in der Politik sehr viele Gemeinsamkeiten hat. Wenn wir z. B. als Eltern und in der Schule mit der Neuen Autorität eine gemeinsame Sprache finden und uns für das Gesamte verantwortlich fühlen, nicht nur einzelne Aspekte, haben wir schon sehr viel gewonnen, das uns garantiert auch als Gesellschaft dient. Wie schätzt du das ein?
Zum Weiterlesen
Charles Ferdinand Ramuz (1922). Sturz in die Sonne. Limmat Verlag. (Auf deutsch übersetzt 2023)
Haim Omer, Philipp Streit (2019). Neue Autorität: DAs Geheimnis starker Eltern. Vandenbeck & Ruprecht. (Wenn Eltern nur einen Erziehungsratgeber lesen wollen, dann wäre dieser eine gute Wahl)
Das Grundlagenwerk: Haim Omer, Arist Schlippe (2016). Stärke statt Macht. Vandenbeck & Ruprecht. Es gibt auch Bücher für Schulen oder zum Thema Führen.
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