Freiheit im Laufe der Biografie

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4–5 Minuten

Liebe Danica

Eine kleine Frage: Hat Freiheit im Laufe der Biografie unterschiedliche Bedeutung? kann einen dazu anregen, über sein ganzes Leben nachzudenken!

Heute fühle ich mich beispielsweise frei, wenn ich frühmorgens an meinem PC sitze, über diese Frage nachdenke und mir erste Notizen dazu nehme. Anstatt hastig zu frühstücken und mich im Dunkeln, bewaffnet mit einem Regenschirm, auf den Weg Richtung Bahnhof zu machen. Die Freiheit des Pensionierten. Es handelt sich zunächst um eine «Freiheit von» – frei von vielen Verpflichtungen und der Fremdbestimmung, die der Beruf mit sich bringt.

Als Jugendlicher, aufgewachsen in den 70er Jahren in einem katholisch-konservativ-ländlichen Milieu, bedeutete «Freiheit von» die Ablösung von der elterlichen und kirchlichen Autorität: Meine Geschwister und ich sind früh aus dem Elternhaus ausgezogen, und hatten jeweils unsere erste Wohnung in der Stadt. Die Freiheit, mit unseren Partner:innen zusammenzuziehen; die Freiheit, sich der sozialen Kontrolle (z.B. «Warst du am Sonntag in der Kirche?») zu entziehen.

Das grösste Freiheitsgefühl habe ich als Jugendlicher und junger Erwachsener als Jubla-Leiter und später als Scharleiter erlebt. Jeden Sommer haben wir als Leitungsteam ein Lager für etwa 50 Kinder und Jugendliche organisiert und zwei Wochen in einem Lagerhaus irgendwo in der Schweiz verbracht. Es waren wunderbare Wochen der Freiheit. Die Kreativität bei der Planung und Umsetzung eines Lagermottos, das Gemeinschaftsgefühl, das sich während der  zwei Wochen entwickelt hat, mit Lagersongs,  am Lagerfeuer, beim Wandern, beim Spielen, bei Volkstänzen und beim Sport. Das war «Freiheit zu». Uns wurde ein Raum gewährt, den wir selbst gestalten und in dem wir so leben konnten, wie wir es uns wünschten.

In der politischen Philosophie wird «Freiheit zu» als positive Freiheit bezeichnet, als die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und selbstgesetzte Ziele zu erreichen. «Freiheit von» gilt als negative Freiheit (was eine schwierige Begriffswahl darstellt), als die Möglichkeit, Eingriffe und Zwang abzuwehren, sowie als das Fehlen von Hindernissen und Einschränkungen.

Ob es immer eindeutig ist, zwischen «Freiheit zu» und «Freiheit von» zu unterscheiden, sei einmal dahingestellt. Denn selbstverständlich erhöht das Fehlen von Einschränkungen, wie etwa durch Krankheit oder Armut auch die Möglichkeit der Selbstbestimmung im Tagesablauf. Oder ermöglicht der Wegfall der beruflichen Zwänge neue Gestaltungsfreiräume – beispielsweise sich Zeit fürs Lesen und Schreiben nehmen zu können.  

Du erkundigst dich ebenfalls danach, wie die Jahre waren, als die Kinder klein waren. Es war eine sehr intensive Zeit, insbesondere weil ich noch studierte, als unser erster Sohn geboren wurde, und wir beide weiterhin berufstätig waren. Meiner Frau und mir war es wichtig, dass es – selbst mit kleinen Kindern – neben Familie und Beruf immer eine gewisse Balance geben sollte, in der auch Paar-Zeit und Ich-Zeit Platz finden können. Es war hilfreich, dass wir in einer Wohngemeinschaft lebten und von Anfang an unsere Kinder auch fremdbetreuen liessen. Auch meine Eltern spielten eine wichtige Rolle. Wir konnten die Kinder einmal jährlich für ein verlängertes Wochenende abgeben. Da haben wir etwa eine mehrtägige Wanderung gemacht, die mit den Buben nicht möglich gewesen wäre. Diese Wir-Zeiten waren kostbar und wurden von einem Gefühl der „Freiheit von“ dominiert.  

Der Rückblick auf meine Biografie sagt mir, dass in den Jahren vor und nach der Berufs- und Familienphase stärker ein Gefühl der «Freiheit zu» vorherrschend war bzw. es heute ist, während in den intensiven Kinder- und Berufsjahren eher Vorstellungen der «Freiheit von» dominiert haben.

Im Dezember wurde die Studie «Freiheitsindex 2024» von Avenir-Suisse veröffentlicht. Sie beruht gemäss eigenen Angaben interessanterweise auf dem negativen Freiheitsbegriff, «Freiheit von». Es werden zwei grosse Bereiche unterschieden: wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheiten.

Nimmt man letztere unter die Lupe, fällt auf, dass neben einer Reihe von negativen Freiheiten wie der freien Schulwahl, dem Fehlen einer Kirchensteuer für Unternehmen, dem Fehlen von Veranstaltungsverboten an hohen Feiertagen usw. durchaus Indikatoren vorhanden sind, die positive Freiheiten in den Vordergrund stellen: So etwa ungehinderter Zugriff auf amtlichen Informationen, oder politische Rechte für Ausländer:innen, die hier steuerpflichtig sind. Für mich sind das «Freiheiten zu», die sich in Zugang, Teilhabe und Empowerment manifestieren und die Chance bieten, Verantwortung zu übernehmen.

Ich verbinde die Übernahme von Verantwortung mit Gemeinsinn. Wer Verantwortung für andere oder eine Gruppe trägt, kann Gemeinsinn entwickeln. Wer diese Chance nicht hat oder sie nicht nutzt, kann diesen «sozialen Sinn» kaum ausbilden. Im Bereich Erziehung und Schule heisst das, Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben bzw. sie herauszufordern, Verantwortung für andere und innerhalb einer Gemeinschaft zu tragen. Es geht um weit mehr als nur um «selbstorganisiertes Lernen». Es kann etwa bedeuten, Beiträge zu einem guten Klassenklima und Klassenleben zu leisten oder Aufgaben innerhalb der Familie zu übernehmen.

Was meinst du zu meiner Beobachtung, dass je nach Lebensabschnitt eher ein Gefühl von «Freiheit zu» bzw. «Freiheit von» dominiert? Hast du ähnliche Erfahrungen?  Und: Du bist bereits eine Generation jünger als ich, deine Kinder sind noch in der Schule: Denkst du, dass jede Generation andere Erlebnisse mir Freiheit verbindet und den Begriff mit anderen Inhalten füllt?

Die Antwort von Danica findest du im Beitrag „Die Freiheit, allein zu sein, es aber nicht zu bleiben„.

Zum Weiterlesen: MacCallum Gerald Jr., Negative und positive Freiheit, in: Philipp Schick, 2017, (Hrsg.): Freiheit, Zeitgenössische Texte zu einer philosophischen Kontroverse, S. 134- 162; Rühli Lukas, Marti Jan, Hutter Eveline (Avenir Suisse), Avenir-Suisse-Freiheitsindex 2024, https://www.avenir-suisse.ch/publication/avenir-suisse-freiheitsindex-2024/

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