Führen heisst dienen, aber wem?

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Liebe Danica

Dein letzter Beitrag war hochaktuell! Du hast dich darin mit der Frage auseinandergesetzt, ob Servant Leadership Gemeinsinn fördert. Und was lese ich ein paar Tage später? Der neue ungarische Ministerpräsident Magyar hat in seiner Antrittsrede betont, er wolle dienen und nicht herrschen. Es scheint, als solle „dienen” das Führungsverständnis charakterisieren, durch das er sich von seinem Vorgänger Orbán unterscheidet.

Kurz nach seiner Antrittsrede veröffentlichte Magyar Videos von Rundgängen durch Orbáns Amtssitz sowie durch zwei Ministerien. Darin wurde der unermessliche Prunk und Reichtum sichtbar, den sein Vorgänger angehäuft hatte, während das Land mehr und mehr zerfiel. (In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Donald Trump gerade einen gigantischen Ballsaal im Weissen Haus plant …).

Es wird offensichtlich, welch starken Kontrast das Konzept Servant Leadership zu einer Welt der Autokraten und Kleptokraten darstellt. Du schreibst, dieses Führungskonzept wirke geradezu rebellisch und es stärke den Gemeinsinn!

Wenn ich politische Führung im Sinne des Gemeinsinns an einem Beispiel verdeutlichen müsste, dann kommt mir sofort Angela Merkel’s berühmte Aussage «Wir schaffen das» vom 31. August 2015 in den Sinn. Es war ein Aufruf an die Bevölkerung und die Zivilgesellschaft, sich gemeinsam mit den Behörden in der Flüchtlingskrise zu engagieren. Und das Besondere daran war, es ging nicht einfach um Unterstützung von Menschen, die einem ohnehin nahe stehen. Nein, es ging um in Not geratene Menschen aus anderen Ländern. Es ging um einen Beitrag Deutschlands zu einem internationalen Problem im Dienste der Menschenrechte. Das ist für mich der Kern von Gemeinsinn: sich für andere und eine grössere Gemeinschaft einsetzen.

Auch wenn Angela Merkel in ihrer Politik sicher nicht alles richtig gemacht hat: Wenn man sieht, wie viel zivilgesellschaftliches Engagement ihr berühmter Aufruf für die Flüchtlinge ausgelöst hat, kann man nur den Hut ziehen. Führen im Sinne des Gemeinsinns bedeutete für sie, ein gesellschaftliches Problem zu benennen, zum Engagement aufzurufen und Vertrauen in die Problemlösefähigkeit der Gesellschaft zu signalisieren. Diese optimistische Grundhaltung – ich traue dir/euch etwas zu – ist auch in der Erziehung wichtig und stellt ein wichtiges Element von Führung im Sinne des Gemeinsinns dar.

Servant Leadership ist für mich im politischen Kontext ein unbestrittenes Konzept, wenn mit «der Gesellschaft dienen» gemeint ist, die aktuellen Probleme à la Merkel offen anzusprechen, auch wenn man sich damit nicht nur Freund:innen macht. Ein Servant Leader ist also sicher ein Wegweiser, was ein Element der  Definition darstellt, auf die du dich in deinem Blogbeitrag bezogen hast. Man könnte dienen nämlich auch als Opportunismus missverstehen. Man dient den Leuten, indem man ihnen das gibt, was sie am liebsten hören möchten. Bei der Zeitungslektüre der letzten Wochen ist mir mehrmals aufgefallen, dass aktuell gerade bei uns beklagt wird, dass Politiker:innen unliebsame Themen meiden, hinauszögern oder verschleiern. In der Sonntagszeitung vom 10.05.2026 stand etwa: „Das Verhalten der Politiker:innen im Bundeshaus ist feige” oder „Switzerland always chickens out”.

Im beruflichen Kontext kommt mir zum Thema  Führen im Sinne des Gemeinsinn als erstes der bekannte Managementexperte Fredmund Malik in den Sinn. Wir haben uns seinerzeit in der Lesegruppe ziemlich intensiv mit seinem Grundlagenwerk «Führen. Leisten. Leben» auseinandergesetzt. In Teil 2 formuliert er sechs Grundsätze wirksamer Führung. Einer davon lautet: Beitrag zum Ganzen. Malik meint damit, dass man nicht deshalb Führungskraft ist, weil man Rang, Status, Einkommen, Privilegien oder Macht hat, sondern weil man das Ganze sieht und dies von allen Mitarbeitenden konsequent einfordert. Die Aufgabe einer Führungskraft bestehe demnach darin, alle Mitarbeitenden immer wieder zu fragen, welchen Beitrag sie zum Ganzen leisten. Es sei beispielsweise sehr wichtig, dass Spezialist:innen nicht einfach „ihr Ding” durchziehen können, sondern ihr Fachwissen im Hinblick auf den grösstmöglichen Kundennutzen einsetzen müssen.

Deshalb stellt sich für mich bei Servant Leadership die kritische Frage, wem Führung dienen soll. Sollte sie zu ausschliesslich auf die Interessen der Mitarbeitenden fokussiert sein, habe ich meine Bedenken. Ich habe im schulischen Kontext gerade mit  einer Lehrperson diskutiert, die mir das folgende Beispiel erzählt hat: Eine Schule organisierte eine Ausstellung mit Bildern und Kunstgegenständen der Schülerinnen und Schüler. Die Ausstellungsobjekte waren also im Rahmen des Unterrichts im Bildnerischen und Technischen Gestalten entstanden. Es war ein schöner Anlass an einem Abend, an dem die Schulleitung, die Klassenlehrpersonen, die Schülerinnen und Schüler sowie viele Eltern anwesend waren. Wer fehlte, waren die Fachlehrpersonen, in deren Unterricht die kleinen Kunstwerke entstanden waren. Die Schulleitung nahm dies zwar konsterniert zur Kenntnis, verzichtete aber darauf, deren Teilnahme einzufordern.

Ein anderes Beispiel habe ich mehrmals in der Schulleitungsausbildung gehört:  Es gibt Schulen, die bei der Stundenplangestaltung die Interessen der Lehrpersonen höher gewichten als die Interessen der Kinder und Jugendlichen.

In beiden Fällen ist meines Erachtens die Schulleitung gefordert, die Interessen des Ganzen zu vertreten und einzufordern – unsere Schule als gemeinsam gestalteter pädagogischer Lebensraum – und gerade nicht den individuellen Interessen der Mitarbeitenden zu dienen.

Sicher gibt es zu Führung im Sinne des Gemeinsinns weitere Konzepte. Ich denke beispielsweise an den Aufbau einer demokratischen Schulkultur oder an das Konzept des Service-Learning (Lernen durch Engagement). Siehst du weitere Möglichkeiten oder Konzepte, um durch Führung – im politischen, beruflichen oder erzieherischen Kontext – Gemeinsinn zu fördern?

Zum Weiterlesen

Verena Mayer: In Ungarn beginnt die Zukunft: In Sonntagszeitung vom 10.05.2026
Keno Verseck: Ungarns neuer Premier Magyar stellt Orbans Luxus-System bloß; https://www.dw.com/de/ungarns-neuer-premier-peter-magyar-stellt-das-luxus-system-des-abgewaehlten-viktor-orban-blo%C3%9F/a-77142098?utm_source=firefox-newtab-de-de; publiziert am 13.05.2026
Malik, Fredmund: Führen.Leisten.Leben. Wirksames Management für eine neue Welt. Campus-Verlag, 2019.
Arthur Ruthishauser: Switzerland always Chickens out. Editorial in der Sonntagszeitung vom 10.05.2026
Harry Landolt: «Das Verhalten der Politiker im Bundeshaus ist feige». Interview von Mischa Aebi, in Sonntagszeitung vom 10.05.2026

Die Antwort von Danica findest du hier.

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