Zuversicht trotz Hitzesommer

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Liebe Danica

Zwei Gedanken aus deinem letzten Beitrag haben es mir besonders angetan: Zuversicht und sich für das Gesamte verantwortlich fühlen.

Der spür- und sichtbare Klimawandel, den du erwähnt hast, hat mir wirklich zugesetzt. Da hat mich deine Aussage zur Zuversicht grad aufgestellt. Es ist ja nicht nur die Hitze, sondern vor allem diese Dürre, die über unser Land gezogen ist und unsere Gegend stark getroffen hat. Mehrmals hat das Regenradar auf meinem Handy Niederschläge angezeigt, die dann einfach nicht bei uns gefallen sind. Als Vater eines Landwirts blutet dir das Herz, wenn du siehst, wie schlecht es den Kulturen und Tieren geht, obwohl die Jungs Tag für Tag in brütender Hitze hart arbeiten.

Deprimiert hat mich nicht nur die Tatsache, dass die starke Erwärmung nun eingetreten ist. Das war abzusehen – genau wie du es schreibst. Mir ist einfach so richtig bewusst geworden, wie unfähig wir als Menschheit und insbesondere als reiches Land waren, rechtzeitig Massnahmen zu ergreifen. Vieles wurde mit dem Argument abgewimmelt, es sei zu teuer oder schränke uns ein. Nimmt mich einfach wunder, ob nun all die Klimaanlagen, die gekauft werden oder die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise als Folge des Klimawandels nicht finanziell weh tun. Von all den staatlichen Anpassungsmassnahmen, die nun folgen werden, wollen wir gar nicht sprechen.

In der Sendung Tagesgespräch auf SRF 1 vom 12. August äusserte sich der Klimaforscher Erich Fischer zur häufig gehörten Aussage, die Schweiz verursache doch nur ein Prozent der Emissionen und es bringe daher nichts, wenn wir da vorausgehen. Fischer  meinte, dieses Argument klinge für ihn wie die Ausrede eines (halbwüchsigen) Schülers, der seine Hausaufgaben nicht gemacht habe. So nach dem Motto: «Ein anderer hat ja auch noch nicht …» Mir hat Fischer aus dem Herzen gesprochen.

Damit sind wir beim von dir erwähnten Konzept der  Neuen Autorität. Zwar habe ich eine Abschlussarbeit dazu betreut, doch bei der Lektüre deines Beitrags hatte ich ein echtes Aha-Erlebnis. Mir wurde bewusst, dass es nicht nur im erzieherischen, sondern auch im gesellschaftliche Kontext Impulse geben kann. Eine der zentralen Haltungen in diesem Konzept lautet nämlich, sich für das Gesamte verantwortlich zu fühlen. Für mich ist das der wichtigste Aspekt und derjenige, der in unserer westlichen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten möglicherweise am stärksten verloren gegangen ist. Zum Ausdruck kommt diese Haltung für mich in Aussagen, die ich in letzter Zeit in persönlichen Gesprächen mehr als einmal gehört habe. Sie lauteten ungefähr so: «Wenn nur jede und jeder gut zu sich selbst schaut, dann ist allen geholfen». Tja, als wohlhabende Schweizerin oder Schweizer kann man das leicht sagen.

In einem Artikel der Sonntagszeitung vom April 2026 mit dem Titel „Macht uns der Selbsthilfeboom zu Egoisten? Ich zuerst!” werden drei problematische Grundhaltungen genannt, die sich in der heutigen Ratgeberliteratur scheinbar gut verkaufen lassen: Die Erlaubnis zur Gleichgültigkeit, Sich abgrenzen und Ein Leben ohne Rücksicht auf Verluste. Eigentlich kein Wunder, dass es der Natur nicht gut geht.

Ratgeberliteratur nimmt für sich in Anspruch, zu einem glücklichen Leben zu führen. Die Glücksforschung kommt jedoch zu ganz anderen Schlüssen als die genannten aktuellen Ratgeber. So spricht der Ökonom und Glücksforscher Bruno Frey, der Tausende von Menschen dazu befragt hat, wie glücklich oder zufrieden sie sind, von drei wesentlichen Faktoren: gute materielle Verhältnisse, ein gut funktionierendes demokratisches System und ein intaktes soziales Netz. Sein Schlussplädoyer im Interview lautet: «Ein glücklicher Mensch ist zum Beispiel auch grosszügiger… engagiert sich in der Freiwilligenarbeit. Glückliche Menschen tun einer Gesellschaft gut».  Hier zeigen sich  Parallelen zu den Grundhaltungen der Neuen Autorität:
– (gesellschaftlich) präsent sein
– sich vernetzen
– sich für das Gesamte verantwortlich fühlen.

Nun zurück zur Zuversicht! Vermutlich ist sie eine Voraussetzung für die genannten Grundhaltungen. Wir waren unterdessen im Engadin in den Ferien. In Susch besuchten wir eine Ausstellung der italienischen Künstlerin Mariuccia Secol, die zu den Feministinnen der ersten Stunde zählte. In ihren frühen Arbeiten verarbeitete sie die Krisen ihrer Epoche, beispielsweise den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Gräueln. Dabei wurde mir bewusst, dass es zu allen Zeiten gesellschaftliche Krisen und Bedrohungen gab, die das Leben einer ganzen Generation überschatten. Secol verarbeitete die Krisen ihrer Jugend mit unglaublicher Kreativität. Nach und nach schimmerte in ihrem Werk wieder Zuversicht auf. Dies wird besonders in ihren Textilarbeiten sichtbar. Die Ausstellungskuratorin schreibt dazu: «Indem die Künstlerin in ihren Textilarbeiten Fäden aus dem Gewebe entfernt, schafft sie Risse, die an Wunden im Körper erinnern, zugleich aber auch an Öffnungen durch die Licht – und Wissen – eindringen können».

Textilwerk von Mariuccia Secol (eigene Aufnahme)

Das hat mich an den berühmten Song «Anthem» (Hymne) von Leonard Cohen erinnert. Auch er verarbeitet in den Liedstrophen Bilder von Krieg und Missständen. Im Refrain stellt er all dem mit dem gleichen Bild wie Secol Zuversicht gegenüber. Er singt: «There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in». Auch in den schwierigsten Dingen gibt es einen kleinen Riss, der die Dinge wieder öffnet. An diesen Bruchstellen kann Licht, kann Zuversicht hineinströmen. Eigentlich trifft die deutsche Sprache das ja mit dem Begriff „Lichtblicke“ ganz gut.

Im Privaten ist ein solcher Lichtblick für mich aktuell die bevorstehende Geburt des ersten Enkelskinds. Im Grossen denke ich beispielsweise an die Flamingo-Proteste in Albanien, die sich gegen die absurden Aneignungspläne der Familie Trump in einem Naturschutzgebiet am Mittelmeer richten.

Vielleicht sollten wir beginnen, solche kleinen Lichtblicke zu sammeln, um zuversichtlich zu bleiben. Hast du in letzter Zeit solche Momente erlebt, von denen du  erzählen magst – oder hast du andere Zuversichtsstrategien?

Zum Weiterlesen, -hören und -schauen:
Füllemann Lisa: Macht uns der Selbsthilfeboom zu Egoisten? Ich zuerst! In: Sonntagszeitung vom 27.04.2026

Erich Fischer: Die Dürre ist intensiver als die historische. SRF, Tagesgespräch vom 12. August 2026

Katarina Riederer: Glück ist ein Nebeneffekt. Interview mit Bruno S. Frey. 2021. https://www.bsfrey.ch/wp-content/uploads/2021/08/glueck-ist-ein-nebeneffekt.pdf

Ausstellung Mariucchia Secol (bis 1.1.2026) im Muzeum Susch; https://muzeumsusch.ch/de/2280/Mariuccia-Secol-Unraveling

Anthem von Leonhard Cohen. Originaltext: https://open.spotify.com/intl-de/track/7ldofQylv0aNE6aZy7hTBE; Deutsche Übersetzung: https://www.songtexte.com/uebersetzung/leonard-cohen/anthem-deutsch-5bd6d334.html

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