Liebe Danica
Sie nennen sich «Moms for Liberty» und haben in den USA erreicht, dass es in 451 Schulbezirken zu mehr als 20’000 Bücherverboten gekommen ist. Der Begriff der Freiheit wird also dafür genutzt, dass eine kleine Gruppe von Eltern allen Kindern und Eltern eines Bezirks, nicht nur den eigenen, vorschreiben darf, was Kinder nicht lesen dürfen. Es geht um Bilderbücher, Kinder- und Jugendbücher, die in den Augen dieser konservativen Mütter anstössig sind, weil z.B. die Abbildung einer nackten griechischen Statue vorkommt oder zwei männliche Pinguine gemeinsam ein Kind aufziehen – nota bene nach einer wahren Begebenheit in einem Zoo. Verbieten also im Namen der Freiheit? Eine Pervertierung des Freiheitsbegriffs.
Ich habe den Eindruck, dass in letzter Zeit der Begriff der Freiheit oft nur noch in Verbindung mit dem Pronomen «meine» gebraucht wird. Oder auch mit dem Pronomen «unsere». Im letzteren Fall ist die Gruppe, die das «unsere» meint, dann eng abgesteckt: wir Automobilist:innen, wir Velofahrer:innen oder natürlich wir Schweizer:innen. Gerade in der Welt der Politik scheint mir dieser Freiheitsbegriff immer mehr Fuss zu fassen. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Bemühungen, Tempo 30 in den Städten und Agglomerationen auszuhebeln. Politiker:innen wollen Beschlüsse, die auf Gemeindeebene gefällt worden sind, rückgängig machen. Es sind dies Mandatsträger:innen, die sich sonst als überzeugte Föderalist:innenen und Anhänger:innen des Subsidiaritätsprinzips geben, das die freiheitliche Schweiz charakterisiert. Die Freiheit der Autofahrer:inen, etwas schneller am Ziel zu sein, hebelt also die Freiheit der ansässigen Bevölkerung aus, sich vor Lärm und Unfällen zu schützen. Auch hier scheint Freiheit darin zu bestehen, dass «meine Gruppe» ihre Interessen und Bedürfnisse durchsetzen kann, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen.
In ihrem Buch «Gekränkte Freiheit» beschreiben Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey ihre Analysen und Schlussfolgerungen einer Untersuchung über das Milieu der Querdenker. Die beiden Soziologen charakterisieren dieses Milieu als sehr egoistisch und hedonistisch. Müsse man eigene Bedürfnisse zurückstellen, löse das sofort Kränkung, Wut und Erbitterung aus. Der Journalist Roland Düker übertitelt seine Rezension zum Buch mit: Meine Freiheit: ja! Deine Freiheit: nein!
Nun ist Freiheit aber ein Wert, der erst in Beziehungen zwischen Menschen eine Bedeutung hat. Immer geht es um die eigene Freiheit im Rahmen einer Gemeinschaft – seien es beispielsweise Familie, Schule, Gemeinde oder Staat. Es gibt also nie eine absolute Freiheit. Schon seit Stuart Mill, dem liberalen Vordenker des 19. Jahrhunderts, gilt, dass meine Freiheit nicht andere schädigen bzw. ihre Freiheit unrechtmässig einschränken darf. Und immer bleibt der Anspruch an eine liberale Gesellschaft, dass alle von Freiheiten profitieren können. Das setzt aber auch Ressourcen wie genug Geld, Gesundheit, Beteiligungsmöglichkeiten, Bildung usw. voraus. Es braucht also Freiheitsspielräume für alle, nicht nur für mich bzw. meine Gruppe.
Und hier sehe ich einen Bezug zu unserem übergeordneten Blogthema des Gemeinsinns: Gemeinsinn fordert, immer auch die Sichtweise und Interessen der anderen in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Dies verlangt die Fähigkeit und Bereitschaft zu einem Perspektivenwechsel. Gemeinsinn führt dann zu Entscheidungen, die möglichst vielen zugutekommen. Wenn mich aber die Sichtweisen der anderen und ihre Freiheitsrechte nicht mehr interessieren, dann entsteht gesellschaftlich eine polarisierte Situation, die gefährlich ist. Meine Freiheit gegen deine Freiheit. Oder es entsteht eine Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber allem, was eine Gesellschaft zu regeln und zu lösen hat. Mich interessiert nur noch meine Freiheit.
Die aktuelle Entwicklung beunruhigt mich.
Hast du ähnliche oder andere Erfahrungen und Überlegungen zum Thema der Freiheit? Was geht dir bei diesem Thema durch den Kopf? Was bedeuten die angesprochenen Entwicklungen für Erziehung und Bildung?
Herzlich, Gabriel
Die Antwort von Danica findest du im Beitrag „Wessen Freiheit zählt?„
Zum Weiterlesen und Weiterhören: Amlinger Caroline und Nachtwey Oliver, 2023. Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Suhrkamp; Düker, Roland. Meine Freiheit: ja! Deine Freiheit: nein! Philosophie magazin 68, 2/2023. Gosepath, Stefan: Wie reich muss man sein, damit man Freiheit genießen kann? – exkurs-Gespräch mit Prof. Gosepath. exkurs-Gespräche, Deutsche Forschungsgemeinschaft e. V. (DFG), 2024. https://doi.org/10.5446/69916; Petrin Susanna, Diese Bücher sind gefährlicher als Waffen: Wie US-Schulen ganze Regale verbannen, Freiburger Nachrichten, 11.10.25
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