Liebe Danica
Gerne würde ich noch einmal bei der Freiheit bleiben, mich beschäftigt das Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit.
Kürzlich habe ich zum ersten Mal eine Busse für Schwarzfahren im ÖV erhalten! Das kam folgendermassen: Ich habe mich ja mit dir in Bern zu einem Mittagessen verabredet. Ich löste auf dem Handy ein Ticket bis zum vereinbarten Treffpunkt. Am Hauptbahnhof Bern unterbrach ich die Reise, um in einem Optikergeschäft neue Brillen auszuprobieren und auszuwählen. Dabei musste ich etwas länger warten. Danach fuhr ich mit dem Bus weiter. Vor dem Einsteigen schaute ich kurz auf mein Handy: Alles gut, das Ticket erschien auf dem Display. Nach ein paar Minuten Fahrt geriet ich in eine Billetkontrolle und kramte mein Handy hervor. Das Ticket ploppte unterdessen nicht mehr auf, da es abgelaufen war. Der Kontrolleur konnte auf dem Handy sehen, dass ich ein Ticket gelöst hatte, dieses aber seit ein paar Minuten abgelaufen war.
Wie reagierte er nun: Lässt er Gnade vor Recht walten? Darf er das überhaupt? Hat er an seinem Arbeitsplatz noch Spielraum, also die Freiheit, selbst eine Einschätzung vorzunehmen, ob es sich um ein Malheur oder ein vorsätzliches Schwarzfahren handelt? Die Antwort lautet: nein. Immerhin gibt es noch eine Kategorie «Geltungsdauer abgelaufen, zu weniger als 50%», was eine Busse von „nur” 75 CHF (statt 100 CHF) ergibt.
Kurz danach bin ich auf das neu erschienene Buch von Hartmut Rosa (Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums) gestossen. Darin vertritt er die These, dass die Entscheidungsfindung insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit, durch Richtlinien, Formulare und Algorithmen vorgegeben wird. Menschen würden statt zu handeln, immer mehr nur noch vollziehen. (Der Kontrolleur lässt grüssen!). Dadurch verschwinde ein Stück Freiheit und Verantwortung, während ein Gefühl der Ohnmacht und Sinnlosigkeit des eigenen Tuns entstehe, was wiederum zu einem Gefühl des Ausgebranntseins führe.
Und die Freiräume schmelzen vielerorts. Als Fussballfan muss ich an dieser Stelle an den kürzlich eingeführten Videobeweis denken. In heiklen Situationen entscheidet häufig nicht mehr der Schiedsrichter auf dem Platz, sondern er zieht ein zweidimensionales Standbild auf einem Bildschirm am Spielfeldrand zu Rate: «Aha, Ball berührt Hand, Fuss tritt auf Fuss, Hand ist im Gesicht» usw. «beweist» dann, dass ein Foul vorliegt. Der Schiedsrichter vollzieht lieber nur noch, was ihm das Bild und der Videoschiedsrichter im Keller nahe legen. Seine ursprüngliche Einschätzung der komplexen und dynamischen Gesamtsituation verwirft er zugunsten eines vermeintlich eindeutigen Standbildes. Auch hier: der Versuch Eindeutigkeit und Gleichbehandlung sicherzustellen. Die Zuschauer:innen stehen dem zwiespältig gegenüber. Einerseits können Fehler korrigiert werden, andererseits verliert das Spiel für sie an Emotionalität und Lebendigkeit. Ein Gerechtigkeitsgefühl will sich trotzdem nicht einstellen. Denn auch mit Videoassistenz bleiben Situationen zurück, die unterschiedlich beurteilt werden können, und es werden Fehler gemacht.
Nun stehen ja gute Absichten und wichtige Ziele hinter diesen Tendenzen, wie z.B. Gerechtigkeit, Gleichbehandlung und Transparenz. Gerade im öffentlichen Bereich sind diese sehr wichtig. Schließlich möchte man nicht der Willkür eines Kontrolleurs, einer Schiedsrichterin oder einer Lehrperson usw. ausgeliefert sein.
Ein weiterer starker Treiber ist das Bemühen um Sicherheit. In den genannten Beispielen geht es vor allem um Rechtssicherheit bzw. Rekurssicherheit. Rosa spricht sogar von einer «gesellschaftlichen Obsession mit Sicherheit», die sich neben Beruf und Sport in vielen weiteren Bereichen zeige. Im Gesundheitsbereich, aber besonders auch in der Erziehung. Wenn Apps mir anzeigen, was ich essen darf und wie viel ich mich bewegen soll oder wenn Eltern ihre Kinder permanent überwachen und ihnen alle Risiken aus dem Weg räumen (Stichworte «Helikopter-Eltern», «Schneepflug-Eltern»), dann verlernen Menschen, situationsgerecht abzuwägen, zu urteilen und Verantwortung zu übernehmen. Juli Zeh hat dies in einem Gespräch wie folgt kommentiert: «Immer, wenn wir eine Massnahme ergreifen, um ein Risiko zu minimieren, generieren wir auf der anderen Seite einen Verlust, zum Beispiel einen Freiheitsverlust».
Damit landen wir endgültig beim eingangs angesprochenen Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. Ich finde das sehr schwierig. Warum brauchen wir immer mehr Richtlinien, Leitplanken und Stützen, während wir uns gleichzeitig darüber beschweren, dass unsere Spielräume und Freiheiten immer weiter eingeschränkt werden? Wo liegt die richtige Balance zwischen Vorschriften und Hilfsmitteln, die Willkür verhindern und Risiken minimieren, und bewusst offen gelassenen Spielräumen für menschliche Urteilskraft und zwischenmenschliches Vertrauen? Welche Bereiche müssen zwingend geregelt sein und wo schaffen wir lediglich Regelungen, die uns unnötig in unserer Freiheit einschränken?
Kann der gesunde Menschenverstand hier als Richtschnur dienen? Sein Verlust wird ja häufig beklagt. Auf Englisch nennt man ihn «common sense», wörtlich übersetzt: gemeinsamer Sinn. Damit ist eine Verhaltensweise oder Schlussfolgerung gemeint, der alle Menschen zustimmen. Sie beruht ganz stark auf Erfahrung und Urteilskraft und benötigt keine Regelungen und Gesetze. Gemäss Aleida und Jan Assmann stellt der gesunde Menschenverstand eine Bedeutungslinie von Gemeinsinn dar.
Ich schliesse meinen Beitrag also mit einer ganzen Reihe von Fragen zu einem Spannungsfeld, das ich auch nach intensiver Beschäftigung damit immer noch nicht durchschaue. Vielleicht magst du hier anschliessen? Oder an deinem Thema des letzten Blogbeitrags: Alleinsein als Kraftquelle für den Einsatz in der Gemeinschaft. Das fand ich einen ganz spannenden Gedanken. Andernfalls verlassen wir nun definitiv den Schwerpunkt Freiheit.
Herzlich, Gabriel
Die Antwort von Danica findest du hier.
Zum Weiterlesen: Hartmut Rosa (2026). Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp. Svenja Flasspöhler im Gespräch mit Andreas Reckwitz und Juli Zeh: Vom Umgang mit Verlusten – und wie wir die Zukunft zurückgewinnen. In: philosophie Magazin, 1, 26. Aleida und Jan Assmann (2025). Gemeinsinn. Der sechste, soziale Sinn. C.H.Beck.
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