Lieber Gabriel
Spannend, deinen Ausführungen zur Freiheit im Laufe der Biografie und der Unterscheidung von „Freiheit zu…“ als positiven Freiheitsbegriff, vs. „Freiheit von…“ als negativen Freiheitsbegriff. Ich versuche diese Unterscheidung immer wieder gedanklich zu machen, doch es gelingt mir nicht. Semantisch. Mir kommen entweder keine Freiheiten in den Sinn oder wenn es eine „Freiheit von“ ist, versuche ich diese umzuformulieren.
Ein Beispiel: Als Mutter geht es mir ähnlich wie dir als Vater. Dann bedeutet für mich Freiheit, (eine zeitlang) weniger Verpflichtungen zu haben. Wie an den Abenden, in denen ich in Bern übernachte und nicht dafür sorgen muss, dass um 19.00 Uhr das Abendessen auf dem Tisch steht, die Hausaufgaben gemacht sind und die Kinder um 21.00 Uhr im Bett sind. Manchmal arbeite ich dann bis spätabends an der PH, treffe mich mit Freundinnen oder bin früh in meiner Wohnung Marzili und geniesse den Abend für mich allein. Es ist für mich im Moment ein Gefühl von höchster Freiheit, frei über meine Zeit verfügen zu dürfen. Ist das nun Freiheit von Verpflichtungen? Oder Freiheit zu frei gestaltbarer Zeit?
Die Freiheit, allein zu sein ist etwas, das im Familienalltag kaum möglich ist. Sarah Diehl betrachtet dieses Alleinsein in ihrem Buch „Die Freiheit allein zu sein. Eine Ermutigung“. Sie beschreibt das Alleinsein als eine elementare Freiheitserfahrung. Als Elternteil kann ich dies sehr gut nachvollziehen, gibt es in der Familie doch sehr wenig Raum dafür. V.a. in der Anfangszeit, wenn die Kinder klein sind. Jetzt wo sie grösser sind, kommt aber auch schon mal die Sorge auf, ob es später nicht auch ein zu viel des Alleinseins geben wird? Allein zu sein ist aus meiner Sicht nur dann befreiend, wenn es selbst gewählt ist und sich nicht um Einsamkeit handelt. Und wenn ich doch irgendwie in die Gemeinschaft eingebunden bin. Sonst kann es auch sehr traurig sein.
Wenn ich deinen Brief lese fällt mir auf, dass du deine Familienzeit um einiges moderner gestaltet hast als ich meine, und das obwohl ich eine Generation jünger bin. Dass ihr in einer Wohngemeinschaft gelebt habt, zeugt von einer sehr netzwerkorientierten und ressourcenfreundlichen Aufteilung der Familienarbeit, so wie ich es mir heute für Familien wünschen würde. Weniger als Kleinfamilie, mehr als Gemeinschaft. Und es zeigt, dass Generationenunterschiede eben nicht pauschal beschrieben und bewertet werden können.
„Freiheit ist mehr als besser verdienen.“
Ich habe von dir einen Kalenderspruch geerbt: „Freiheit ist mehr als besser verdienen.“ Erinnerst du dich? Ich blicke manchmal darauf und denke , der Spruch passt sehr gut zu unserem Berufsfeld der Pädagogik und noch mehr zur Funktion als Dozierende. Vielleicht ist es gerade unserer Sehnsucht nach Freiheit geschuldet, dass wir diese Funktion wählten. Zuerst während dem Lizentiat, wo wir vor der Bologna-Reform und ECTS-Punkten noch alle Freiheiten des Studiums der Geistes- und Sozialwissenschaften geniessen konnten und dann, als Dozierende, wo wir die „Freiheit der Lehre“ ausleben (immer im Rahmen von formulierten Kompetenzen und Teilkompetenzen, aber doch sehr frei).

Doch: Freiheit darf nicht zu Gleichgültigkeit führen
Diese Freiheit der Lehre läuft in unserer Gesellschaft gerade Gefahr, stark eingeschränkt zu werden. Da blicke ich besorgt nach Amerika, wo – wie du eingangs unserer Gedanken zur Freiheit beschreibst – Bücher aus Bibliotheken verbannt und Forschungsgelder gestrichen werden, wenn das falsche Schlagwort aufgeführt ist. Um diese Freiheit wahren zu können, braucht es Gemeinsinn und aktives Einstehen der Wissenschaft, dass diese unabhängig bleiben darf. Dies gilt aber nicht nur in Bezug auf Wissenschaft und Forschung, sondern auch für die Demokratie.
Kürzlich las ich in der SZ einen Gastbeitrag von Martin Moszkowicz über Antisemitismus. Er schreibt: „Antisemitismus lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen und dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen.“ Sorgen bereiten ihm Menschen, die sich selbst als tolerant, liberal oder einfach unpolitisch verstehen und sagen: „Ich habe dazu keine Meinung.“ Diese Haltung mag aus Sicht deser Menschen als Ausdruck von Neutralität empfunden werden. In Wahrheit aber ist sie das Gegenteil. Denn Antisemitismus und mit ihm auch andere antidemokratische Bewegungen leben nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen, von dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen. Die Freiheit, nicht politisch sein zu müssen, kann als Privileg gesehen oder aber auch als Wegsehen kritisiert werden. Mit Blick auf das Thema unseres Blogs, den Gemeinsinn, erachte ich es als die Pflicht freier Menschen, sich zu positionieren. In gewissem Sinne geht es dabei darum, Verantwortung zu übernehmen gegenüber Menschen, die dieses Freiheit nicht haben, aber auch gegenüber der Demokratie. Dies ist mein Anspruch an die Gesellschaft und an mich. Dass wir Freiheit eben nicht nur als die Freiheit allein (oder für mich) zu sein verstehen. Sondern aus diesem Alleinsein wieder rausfinden und Kraft schöpfen, für die Gemeinschaft einzustehen. Ist dieser Anspruch zu hoch?
Gibt es für dich noch andere Aspekte, die unter dem Freiheitsbegriff betrachtet werden könnten? Oder hättest du Lust auf ein anderes Thema?
Herzlich,
Danica
Die Antwort von Gabriel findest du hier.
Zum Weiterlesen: Diehl, Sarah (2022). Die Freiheit, allein zu sein: Eine Ermutung. Arche. Moszkowicz, Martin. Eure Gleichgültigkeit ist unser Tod. Antisemitismus. Gastbeitrag in der Süddeutsche Zeitung (26. Januar 2026).
Kommentar verfassen