Momente der Zuversicht sammeln

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4–6 Minuten

Lieber Gabriel

Zuversicht ist mein Jahresmotto. Es war auch mal Kern meines Slogans bei einer Wahlkampagne. «Mit Mut und Zuversicht». Das Problem an der Kampagne war, dass ich selbst nicht daran glaubte. Ich wünschte mir zwar Mut und Zuversicht, strahlte sie aber selbst nicht aus. Es war meine letzte Wahlkampagne und ich war noch nicht wieder bereit, mich den Menschen auszusetzen. Statt Zuversicht war da mehr Beklemmung zu spüren. Und dies beschreibt auch ganz gut, wie es mir hinsichtlich meines Jahresmottos geht. Deine Zeilen zur Dürre haben mich berührt, gerade weil du als Vater eines Landwirts so direkt betroffen bist. Als ich vorhin über Momente der Zuversicht nachdachte, dachte ich an meine Bergtouren. Doch auch dort kommt sie mir beim Blick auf die schmelzenden Gletscher abhanden. Ich will hier aber nicht aufschreiben, wo ich hadere, sondern Momente der Zuversicht suchen.

Diese habe ich oft mein Lesen. Mir fallen ein paar Bücher ein, die zuversichtlich stimmen:

Rutger Bregman, «Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit». Bregman schreibt, dass der Mensch im Grunde freundlich, kooperativ und vertrauenswürdig ist. Wir sind sozial lernfähig und unser Menschenbild prägt unsere Institutionen. Wer Menschen für egoistisch hält, baut Systeme auf Kontrolle und Misstrauen auf und erzeugt damit genau das Verhalten, das er befürchtet. Bregman plädiert deshalb für Vertrauen als Grundprinzip in Schule, Arbeitswelt und Politik. Bregmans empirische Begründung ist relativ dünn. Und doch hat mir das Buch gefallen. Nenn mich naiv, denn genau dieses Menschenbild prägt meine Haltung. Es gibt Momente des Zweifels, doch ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich immer misstrauisch sein muss. Ich begegne Menschen möglichst mit einem Vertrauensvorschuss, unterstelle ihnen selten böse Absicht. Ein, zwei Mal wurde ich enttäuscht (in der Politik, ich kann diese Erfahrung nicht schönreden), doch im Grossen und Ganzen komme ich damit gut durch die Welt.

Oskar Jenni (Hg.), «Kindheit. Eine Beruhigung.» Jenni ist der Nachfolger des Kinderarztes Remo Largo, der dir vielleicht ein Begriff ist. Das Buch zur Kindheit ist in einem Kollektiv entstanden, es lässt sich auch nicht herausfinden, wer welche Teile geschrieben hat (höchstens erahnen, weil wir einige der Autor*innen kennen). Mit dabei waren Heidi Simoni, Expertin der Frühen Kindheit, Roland Reichenbach, Erziehungswissenschaftler, Barbara Bleisch, Philosophin, Silja Häusermann, Politologin, Daniel Süss, Medienwissenschaftler und andere. Das Buch möchte zu einem gelasseneren Umgang mit unseren Kindern beitragen und zur Beruhigung eines Diskurses, der zwischen Romantisierung und Perfektionierung der Kindheit hin- und herpendelt. Um nur eine gute Botschaften zu nennen: Unser Einfluss auf Kinder ist weniger gross als wir oft denken, und wir können uns entspannen, weil die meisten Kinder am Ende ihren Platz in der Welt finden. Das Kollektiv schreibt auch, dass Kindheit eine gesellschaftliche, d.h. gemeinschaftliche Aufgabe ist. Hier gehe ich sehr mit ihnen einig. Als junge Mutter sah ich es noch etwas anders. Heute würde ich mir viel mehr Hilfe und ein grösseres Netzwerk wünschen. Ganz im Sinne der Neuen Autorität, die ich im letzten Beitrag ansprach.

Auch Susanne Mierau und Nicola Schmidt haben mich mit ihren Büchern im Elternsein inspiriert. Man kann ihre Bücher zwar durchaus der Ratgeberliteratur zuordnen, die mich wie dich in ihrer Fülle etwas ermüdet. Beide Autorinnen gehen von einer bedürfnis- und beziehungsorientierten Erziehung aus. Damit meinen sie nicht eine Laisser-faire-Erziehung, das wird oft missverstanden. Kinder brauchen Nähe, Verlässlichkeit, Beziehung. Kinder brauchen eine sichere Bindung und Eltern brauchen auch Selbstfürsorge, sie müssen achtsam mit dem eigenen Stress umgehen. Dies verstehe ich nicht als Ich-Bezogenheit, auch wenn es ein schmaler Grad sein kann. Eltern sollen auch auf sich und ihre Energie schauen, Zweck ist nicht ausschliesslich ihr eigenes Wohlbefinden, sondern das gesunde Aufwachsen der Kinder. Mierau beschreibt auch Konfliktzonen der Mutterschaft und legt einen Fokus auf Care-Arbeit und Rollenbilder. Dass Grundsätze wie diese heute so stark thematisiert und rezipiert werden, macht mich zuversichtlich.

Eltern stehen unter grossem Druck, schnell wird ihnen Inkonsistenz vorgeworfen. Das wird den Herausforderungen heutiger Elternschaft nicht gerecht. Ich bin sehr froh, hat Gewalt in der Erziehung heute keinen Platz mehr und ist dies seit dem 1. Juli auch in der Schweiz rechtlich verankert (Zivilgesetzbuch, Art. 302) verankert.

Hier kann ich noch eine Gegenthese zu Jenni et al. anbingen: Herbert Renz-Polster schreibt in seinen Büchern zu Demokratie und Erziehung darüber, dass Erziehung die politische Gesinnung prägt. Etwas verkürzt gesagt, neigen Menschen, die autoritär erzogen wurden, später eher dazu, Autoritäten unhinterfragt zu folgen. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die beiden Autoren in ihrer grundsätzlichen Haltung stark unterscheiden. Wo Jenni jedoch Druck wegnehmen will, verstärkt Renz-Polster diesen grad. Ein seelisch belastetes Kindheitsklima begünstigt gemäss seinen Aussagen autoritäre Haltungen und die Hinwendung zu Verschwörungstheorien und rassistischen Denkmustern. In Zeiten politischer Unsicherheit werden diese frühen Kindheitserfahrungen berührt und mit Populismus kompensiert. So hat Donald Trump in den USA in jenen Bundesländern, in denen Gewalt in der Erziehung häufiger akzeptiert wird auch die besseren Wahlergebnisse gemacht. Kritisch muss hier eingewendet werden, dass aus Korrelation noch keine einfache Kausalität abgeleitet werden kann (Renz-Polster 2019). Renz-Polsters Befund klingt zunächst wenig zuversichtlich. Doch er enthält eine Chance: Wenn das Familienklima von heute das politische Klima von morgen mitprägt, können wir etwas dazu beitragen, als Eltern, Lehrpersonen und als Gemeinschaft. Das ist für mich das, was du mit der Verantwortung für das Gesamte meinst.

Vielleicht fällt mir für das nächste Mal noch mehr ein, mehr aus dem Leben und weniger aus Büchern. Ich nehme mir vor, Momente der Zuversicht zu sammeln und hier aufzulisten. Wie geht es dir mit der Zuversicht? Wo gelingt es dir, zuversichtlich zu sein? Bald kommt dein erstes Enkelkind auf die Welt. Was wünschst du ihm für seine Kindheit?

Zum Weiterlesen :

Bregman, Ruther (2021). Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Rowohlt Verlag.

Jenni, Oskar (Hg.) (2024). Kindheit. Eine Beruhigung. Kein & Aber.

Mierau, Susanne, diverse Bücher: Mutter.sein; New Moms for Rebel Girls; Emotional load

Schmidt, Nicola, diverse Bücher: Der Elternkompass; Erziehen und Schimpfen.

Renz-Polster, Herbert (2019). Erziehung prägt Gesinnung. Penguin Random House.

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